Die glorreichen Achtziger - Messitsch 7/1990

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Messitsch-Autor Mark Modsen hat in der zweiten Jahreshälfte 1990 in der Serie "Die glorreichen Achtziger" verschiedene Aspekte der (vor allem Berliner) Independent-Szene der späten DDR beleuchtet. Dies ist der sechste Teil der Serie.

Teil 6: Freygang, Firma, Ichfunktion

"Wenn es dem verehrten Publikum gelingt, während unseres Konzerts zu essen, haben wir uns verspielt." Kai Pankonin

"Hymne ohne Land" hieß der Nekrolog auf die gemeinsame Vergangenheit, den Musiker der drei Bands in den letzten Tagen der DDR während einer nächtlichen Session aufnahmen. Die Ära der Nachrichtenübermittlung durch Trommeln und heisere Kehlen unermüdlicher Herolde nähert sich dem Ende. In den Fluten vielfarbig bedruckten Papiers inflationiert die Wahrheit; die Vorschmecker servieren die Leichen mit jeder gewünschten Vorlage ­Titten für die Kleinen und den Aktienindex für die Großen.

Rückblende. Gerade ein Jahr war vergangen, da die Saubermänner des ancien regime einen klampfeschlagenden Querulanten aus ihrem Paradies kickten und noch gleich eine Anzahl aufmüpfige Künstler folgen ließen. Außenpolitisch gefestigt, wurde zu Hause reiner Tisch gemacht; eine verstörte Generation einheimischer Achtundsechziger hat sich davon nie wieder erholt. Keine guten Zeiten für die 1977 gegründete Formation Freygang. Wenn die kuttenumwallten Bluesfans ins Städtchen kamen, holten die Mütter ihre Töchter von der Straße und die Bürgerwehr die Flinte aus dem Wandschrank. Die Volkspolizei führte zu und schor schon mal dem einen oder anderen einen akkuraten Messerformschnitt. Auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten wich die Band in immer entlegenere Orte aus. Auf dem Mischpult lagen Zettel mit Konzertterminen, Mundpropaganda und rührige Fans sorgten für volle Häuser und die Saalböden wippten im Takt schweißiger Rhythm & Blues-Standards.

Da brachte der Westberliner Radio-DJ Thomas Petrou dem Sänger und Bandleader Andre Greiner-Pol Anfang der achtziger Jahre eine LP der Gruppe Mondhy mit. Greiner-Pol, dessen Vater in den Aufbaujahren der Republik schmissige Kampfeslieder verfaßte, schrieb eine Nachdichtung eines Mondhy-Songs und begann zunehmend, eigene Texte zu schreiben. In Verbindung mit Liedern der damals in der DDR weniger bekannten Gruppe Ton Steine Scherben geriet Freygang bald ins unsichtbare Visier der geheimen Staatsschützer. Im September 1983 wurde die Gruppe erstmalig verboten und die Rebellen machten Klimmzüge am Brotkasten. Einige hielten den Belastungen nicht stand und verließen daß Land westwärts, doch Greiner-Pol fand trotz der miesen Aussichten fähigen Ersatz. Intensiven Kontakten mit der Ostberliner Independentszene dürfte es zu verdanken sein, daß nach der Wiederauferstehung im März 1985 das Repertoire aus überwiegend eigenem Material bestand. Es folgte ein euphorisches Jahr. Die Veranstalter standen auf der Leitung, um die Band zu buchen, das Publikum raste und der Sekt floß reichlich. Doch nach einem Skandalkonzert am Strand von Warnemünde schlugen Schild und Schwert der Partei erneut zu. Der Name Freygang wurde auf alle Zeiten verboten und Greiner-Pol erhielt Auftrittsverbot. Die drohende Strafanzeige verwandelte ein rechtskundiger Schulkamerad des Feeling B-Sängers Aljoscha Rompe in ein Ordnungswidrigkeitsverfahren. Der Name des Paragraphenscouts: Gregor Gysi. An der musikalischen Zwangspause konnte er allerdings nichts ändern. Und doch gelang der Band im Winter 1987 ein unerhörter Coup. Unter einem falschen Namen mogelten sich die Musiker in das FDJ-Kulturprogramm für die Drushba-Trasse. Bis zum Flughafen Schönefeld nannte sich die Sibirienexpedition O.K.-Rockband, um in Moskau-Scheremetjewo als Freygang aus dem Jet zu klettern. Alte Bekannte unter den Trassenbauern waren vor Freude ganz aus dem Häuschen. In der Heimat mußte sich aber noch einiges ändern, bevor die Gruppe im Sommer 1989 wieder auf Tour gehen konnte und schließlich in diesem Jahr zum ersten Mal auf Platte erschien.

Auf dem selben Vinyl zu hören: die 1982 gegründete Combo Die Firma. Unter dem Namen Firma Trötsch gaben sie 1983 ihr erstes Konzert. Die Mitstreiter der rotmähnigen Frontfrau Tatjana Bessonwaren von je hereingefleischte Individualisten mit gemeinsamer Zielstellung, und so splitterte es öfter im Gebälk. Keyboarder Trötsch benörgelte die mangelnde Professionalität und verschwand, um nach zwei Jahren intensiver Beschäftigung mit eigenen Projekten wieder als Gast einzusteigen. Sänger Kai Pankonin, Texter von Hits wie "Kinder der Maschinenrepublik" und "Faschist", rückte 1986 zur Volksarmee ein und bekam bei seiner Rückkehr Probleme mit dem antimilitaristischen Image der Band, das er selber mitgeprägt hatte. Er verließ die Firma Ende 1987. Ähnlich wie Freygang, mit denen die Firma häufig auf Tour ging, kollidierte die Gruppe regelmäßig mit der Staatsmacht. Outfit und Habitus ihrer treuen Fans machte sie zum Bürgerschreck, ihre rauhe und ungestüme Spielweise zum enfant terrible der offiziösen Musikkritik. Dabei lassen sich die Aktivitäten der Firma keineswegs auf ein bierseeliges Punk-Revival reduzieren. Neben dem on-the-road-feeling ist dem Quintett kreative Vielseitigkeit wichtig. Musiker der Firma beteiligten sich an Performance-Aktionen in der Dresdener Kunsthochschule, am Projekt Törnen und bei New Affair. Sie traten im Rockfilm flüstern & schreien auf und in Paris beim DDR-Kulturfest. Bei den Konzerten gibt es jetzt manchmal erhitzte Diskussionen mit dem Publikum, das stur nach bestimmten Songs verlangt und der Band gestiegene Eintrittspreise vorwirft. Tatjana Besson: " Vielleicht sollte man mal öffentlich aushängen, daß die Veranstalter die Preise machen und nicht die Bands. Wenn wir alle Läden boykottieren wollten, die die Eintrittspreise raufgesetzt haben, können wir gleich Hausmusik machen."

Hausmusik machte im schönen Marzahn ex-Firmensprachrohr Kai Pankonin, der seine Leerlaufphase damit überbrückte, Kassettenrecorder zusammenzuflicken. Doch wo die Liebe hinfällt, legt man/frau sich nieder und das war Anfang 1988 im Prenzlauer Berg. Neue Bekanntschaften und die tatkräftige Unterstützung des Firma-Kollegen Trötsch Tröger führten wenig später zum Einstufungskonzert der Ichfunktion, in der lebhaft alten Punktraditionen gefrönt wurde. Pankonin und Gitarrist Tschaka schrieben die meisten Titel, die neben einigen Sex-Pistols-Nummern auf der Bühne gespielt werden. Die Konzerte der Band sind sehr stimmungsabhängig und lassen ein pauschales Urteil kaum zu. Wie viele ehemalige Untergrundgruppen hatte die Ichfunktion nach dem Umsturz mit einem akuten Themenverlust zu kämpfen, der nur schwer zu bewältigen ist. Weil wegen fehlender Studioarbeit konzeptionelle Gesichtspunkte im Hintergrund blieben, ist man angestrengt auf der Suche nach neuen Werten. Wenn nächstens wieder ein paar Dukaten in der abgemagerten Bandkasse klimpern, will man sich ein preiswertes Studio mieten und neues Material einspielen. Unstrittig ist jedenfalls, daß die Ichfunktion nicht stromlinienförmig gebückt in das Rennen um Major Deals gehen wird.

Zum Schluß sei noch der "Verräter"-krähenden Punkorthodoxie ins Poesiealbum diktiert, daß keine der drei Bands bis jetzt eine schlappe Mark am "Pompeji"-Sampler verdient hat. So fff...

Autor: Mark Modsen