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New Music Seminar - NMI/Messitsch 4/1992

2.571 Byte entfernt, 16:54, 29. Aug. 2011
Ice T is in the house
''Diesen Text habe ich im Juli 1992 nach einem Besuch des New Music Seminars in New York geschrieben. In NMI/Messitsch ist eine gekürzte Fassung erchienen. Das hier ist der komplette Text, aufglockert mit ein paar Fotos, die ich damals vor Ort gemacht habe. [[Lutz Schramm]]''
'''Was Batman mit einem Cop Killer zu tun hat, wieso Bill Clinton Sister Souljah eine Rassistin nennt und was John Trudell dazu meint, warum eine Gerichtsverhandlung auch einen gewissen Showwert besitzen kann, wieso 30% relativ viel von relativ wenig sind, weshalb eine Posaune einen Abend retten kann, wofür man zwei Stunden in einem Pulk von Japanern und schwarzen Hip Hop Fans rumhängen kann, weshalb der Name Fritz doch auch mal witzig sein darf und wieso ein Schulbus die eigentlich neue Musik auch nicht tragen kann, hat [[Lutz Schramm]] aufgeschrieben, denn er war im Big Apple und hat sich umgesehen und -gehört.'''
== Die Polizei von Dallas, Texas empfiehlt: Boykottiert "Batman returns"! ==
 
Was Batman mit einem Cop Killer zu tun hat, wieso Bill Clinton Sister Souljah eine Rassistin nennt und was John Trudell dazu meint, warum eine Gerichtsverhandlung auch einen gewissen Showwert besitzen kann, wieso 30% relativ viel von relativ wenig sind, weshalb eine Posaune einen Abend retten kann, wofür man zwei Stunden in einem Pulk von Japanern und schwarzen Hip Hop Fans rumhängen kann, weshalb der Name Fritz doch auch mal witzig sein darf und wieso ein Schulbus die eigentlich neue Musik auch nicht tragen kann, hat Lutz Schramm aufgeschrieben, denn er war im Big Apple und hat sich umgesehen und -gehört.
Das New Music Seminar fand in diesem Sommer zum 13.Mal statt. Altgedient schon und als etablierte Musikmesse/Lehrveranstaltung/Supershowcase Jahr um Jahr für die "alternative" Popmusikszene von Interesse. Einschlägige Veranstaltungen gibt es derweil ja reichlich. Man trifft sich in Cannes, in Texas, Berlin und Köln, neuerdings auch ganz familiär in Hamburg. Da will jeder sein kleines Feld zum Zentrum machen, was nicht gerade hilft, den Überblick zu behalten oder zu bekommen. New York jedenfalls hat von Anfang an auf eine strikt kommerzielle Orientierung gesetzt, was die Durchführung des Seminars angeht. Alles muß bezahlt werden, denn in den Staaten gibt es keine staatliche Subventionierung des Rock'n'Roll. Das hat aber ganz einfach zur Folge, daß in der wirtschaftlichen Situation, in der sich die USA befindet, es sich kaum noch jemand leisten kann, am Seminar teilzunehmen. Die Veranstalter prozten in diesem Jahr damit, daß 30% der registrierten Teilnehmer aus dem Ausland kamen. Keine Kunst, wenn aus dem eigenen Land so wenig Leute dabei sind.
Zu lachen hatte ich einiges beim Panel, das von Kramer geleitet wurde und das den beeindruckenden Titel: "Wie macht man eine gute Platte billig" hatte. Greg Ginn (SST), Lee Renaldo (Sonic Youth), Roger Shepherd (Flying Nun) und andere Produzenten/Musiker beantworteten Fragen über die richtige Bandgeschwindigkeit bei Tonaufnahmen und die korrekte Variante eine Gitarre zu tunen. Natürlich sind solche Fragestellungen generell seltsam, denn zuerst mußten alle mal feststellen, daß jeder etwas anderes unter einer guten Platte und dann gleich noch unter dem Wort billig versteht. Kramer wußte jedenfalls immer mal mit einem Witzchen aufzuwarten und gab Adressen von Masterstudios und Tips für gutes Essen bei Aufnahme-Sessions zum besten. Die Panels waren in der Regel von grassierender Langeweile geplagt, denn nicht immer waren die MCs so fit, wie der Spaßmacher von Shimmy Disc. Es wurde vor allem darüber gestritten, was denn nun Indie, Alternativ und überhaupt New ist. Gähn. Oberdröge war eine Diskussion unter dem vielversprechenden Titel: "A&R nach Nirvana". Was passierte, war, daß ein paar obercoole A&R-Manager darüber sinnierten, wie man junge Talente findet. Jeder wußte seine eigenen Vorteile zu preisen und dem Nachbarn auf die kollegialen Schultern zu klopfen.
Die Nummer eins unter den Panels war jenes, daß das sich mit den Problemen des Sampling befasste. Die Frage war, ob Sampeln Kunst oder Diebstahl ist. Man konnte eine witzig inszinierte Gerichtsverhandlung miterleben, die einen realen Fall mit den beteiligten Personen begutachten sollte. In einem Tribe Called Quest Song gab es zwei Noten einer Trompete aus einem älteren Soulstück. Die Rechtsverdreher der jeweiligen Seiten stritten trefflich über Sinn und Unsinn solcher Streiterein und das Publikum machte "Judge Cat" Jackson von BMI durch Zwischenrufe und einseitige Bekundungen für die Angeklagten zu schaffen. Natürlich konnte man sich am Ende nicht so recht einigen...aber es war ein schöner Spaß. 
<flickr>2642222304|thumb|center|Ice T auf einem NMS-Panel, New York, 1992<br/>Foto &copy; Lutz Schramm</flickr>
== fuck the police ==
Nun, jeder merkt, daß hier nicht nur amerikanische Probleme behandelt werden. Es ist immer wieder auffällig, daß man sich beim New Music Seminar doch ein ums andere Jahr die Zeit nimmt, um diese Musik/Politischen Verquickungen zu beleuchten. Nur, daß eben nicht jedes Jahr Wahlkampf ist.
== Ice T is in the house ==  Allemal spannender als dasI see, was man in den Clubs geboten bekommt ist das schon. Ich hatte jedenfalls ganz heftig den Eindruck, daß die Sache mit dem Rock'n'Roll langsam am Einpennen ist. Die aufregenden Sachen kommen von den Schwarzen, die in ihren Ghetto-Burgen noch die Straßenkultur pflegen. Die Riten, die das begleiten sind beachtenswert. Da war zum Beispiel das Muse, ein Club im tiefen Westen von Manhattan, in einer Gegend die nachts doch eher unwirtlich wirkt. Eine halbe Stunde vor dem angekündigten Start des Abends dräuen sich ca 50 Leute, in der Überzahl Schwarze vor dem Schrotthaufen neben dem Club. Nach und nach kommen eine Menge Japaner, denn die ziemlich verrückten Vibrastone, eine schrille Tokioter Hip Hop Band, die das Playback-Verfahren bevorzugt, soll hier auch spielen. Vorher ist noch eine Raggamuffin Band aus Marseille angekündigt: Messila Sound System. Allerdings waren keine Franzosen im Publikum, soweit ich das erkennen konnte.  Jedenfalls war auch knapp 2 Stunden nach(!) dem versprochenen Beginn kein Einlaß möglich. Derweil hatten sich nochmal 200 Leute eingefunden. Die vertrieben sich die Zeit mit Rumschubsen und Sprüche klopfen. Hin und wieder fuhr eine Staatskarosse vor...also keine Cop-Wanne, sondern diese langen Straßenkreuzer, aus denen sich dann ein kleiner Pulk wichtiger Leute wälzte, der aber am Ende nie wichtig genug war, um rein zu kommen. Aber gut Ding will Weile haben: nach einer guten Zeit vor der Tür ('s war ja nicht kalt), konnte man drinnen den guten Sound und das uncoole Kellerambiente genießen.  Diese Japaner sind wirklich göttlich. Ob sie als Parodie meinen, was 100%ig als Parodie rüberkommt, weiß ich nicht. Jedenfalls kann man ganz nett ablachen, bei dieser Variante zappligen HipHops. Das Messila Sound System pflegt sehr ruffen Ragamuffin. In einem speziellen Mittelmeer-Patois toasten die drei Südfranzosen, daß es eine Freude ist. Das hat wohl auch die Hardcore-Gemeinde vor Ort überzeugt. Und doch ging beim Auftritt von Willy Oneblood, einem jungen Jamaicaner die Post nochmal so kräftig ab. Dann feierte man den Winner der "DJ Battle for World Supremacy", die am gleichen Nachmittag im legendären Ritz stattgefunden hatte. Alle waren zwar überrascht und begeistert von Japans DJ Honda, aber die akrobatischen Künste von Mixmaster Mike aus San Francisco überzeugten dann alle Beteiligten komplett. Ellenbogen und Füße waren seine spektakulärsten Hilfsmittel beim Scratchen. Der Preis gehörte ihm. Dafür klopften ihm die prominenten Herren noch kräftig auf die Schulter. Denn nach ihm kamen sie reihenweise.  Als der MC des Abends sein "Ice-T is in I spupose that would have to be the house" schmetterte, waren die Kids nicht mehr zu halten. Die junge Hoffnung aus South Central trat an die Rampe und war umringt von seinen älteren Kollegegn: Red Alert, Chuck Chill Out, Africa Bambaata... Die Hymne der Old/New-School-Verbrüderung wurde angestimmt und die Glückseeligkeit kannte keine Grenzen. Es war schon beeindruckendcase
== don't need no bullshit ==
 
Was nun den Rock'n'Roll angeht, ließ das Angebot doch einiges zu wünschen übrig. Ich habe es ja schon vorsichtig angedeutet. Die wenigen Kapellen, die nach Kramers Rezept verfahren und das ganze Spektakel nicht so ernst nehmen mußte man mit der Lupe suchen. Dabei waren die Ohrstöpsel hilfreich, die man als registrierter Seminar-Besucher erhielt. Mich hats gleich am ersten Abend auf dem falschen Ohr erwischt, als ich im CBGB's ein paar ganz besonders grauenvolle Provinzbands erleben durfte.
Mal gerade drei bemerkenswerte Gigs kann ich im Nachhinein aufzählen. Der genialste war der das Set der Lillies aus Washington, D.C., eine Band mit Posaune, Gitarre, Bass und Drums und einem Sänger, der fünf Jahre zu spät und dann genau aus England zu kommen schien. Jedenfalls klang er mehr nach Morrisey, als nach Lemmy und in dem Getöse, das die Band fabrizierte, machte sich das wie eine Lilie in einem Steinbruch aus...oder so.
Nur Steinbruch bieten Green Magnet School. Die Band stammt aus Seattle und ist dann auch noch auf Sub Pop, wird aber mit ziemlicher Sicherheit noch nicht im nächsten Jahr bei Geffen unterschreiben. Die mit drei Gitarristen startende Band spielte in einem Club in der Mitte von Manhatten, der erstaunlich leer war, wenn man bedenkt, daß eigentlich alle gespannt sein müßten, was die Nirvana-Entdecker noch so entdecken können. Aber genau das ist es ja, was mich so angeödet hat, in diesen Seminar-Tagen: Alle krampfen nach irgendwelchen Erfolgsstrategien...R&R macht keinen Spaß mehr, oder doch viel zu wenig.
Wenn man die Wahrheit des Werbespruchs einer Musikzeitschrift bedenkt, die da sagt, daß man Bullshit etwa so nötig hat, wie ein Loch im Kopf, dann muß man sich schon wundern, warum ein Riesenteil, wie das New Music Seminar insgesamt eher unerheblich ist. Das ist freilich die Krise, in der sich unsere Welt befindet. Da wo die neue Musik wirklich neu ist, wird sie wohl auch noch Freude machen...solang, bis sie auch ihr Geld wert ist.
 
<flickr>2778419240|thumb|center|The Lillies @ Knitting Factory, 1992<br/>Foto &copy; Lutz Schramm</flickr>
 
<flickr>2777740419|thumb|center|September Child beim Gig auf ihrem Tourbus<br/>Foto &copy; Lutz Schramm</flickr>
 
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