Tape Control 02 1992

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  • Autor: Lutz Schramm
  • verfasst: 27.2.1992
  • veröffentlicht: 1.4.1992

Zwei Monate voller Wirrnisse und unendlicher Entzweiung, neuer Findung, alter Bindung. Blah. Etwas muß bleiben, wie es ist, also will ich mal wieder über magnetische Bänder schreiben. Solche mit Musik zumal und guter auch. Es ist schon noch immer so, daß der Osten die meisten Veröffentlichungen im leicht herstellbaren Kassettenformat anzubieten hat. Aber, die Verhältnisse normalisieren sich und so findet sich heute auch das eine oder andere West-Band, was mich dann auch freut.

Die Friedrichshainer Gruft-Elektriker 9 Tage haben lange gewartet, bis sie mit neuem Material an unsere gierigen Ohren herantreten. Vielleicht haben sie auf etwas gewartet. Was auch immer es war, es ist nicht passiert oder doch so, daß wir es nicht bemerkt haben. Ganz menschlich liegt nun hier das Tape "Human Form" und es sieht aus, wie man es erwartet: durch ein rotes(!) Loch blicken wir in eine schwarze Höhle, in der drei gehörige Schädel dörren. Innewendig, wie der Sachse sagt, stehen drei Schatten vor bläulichem Gestrüpp. Nur drei? Sind da nicht aber Vier? Anne, Rene, Jan, nebst Taymur, dem gestrengen Tüftler? Das ist die erste Gefahr: Undeutliches verleitet zur Deutung, was nicht unsere Aufgabe sein kann, jetzt. Zu hören ist vor allem viel Raum, in dem gehörig elektrisches passiert. Da erleben wir Klischees irgendwo im weiten Feld zwischen Residents und Tuxedomoon. Nicht epigonenhaftes Nachgeklimper, freilich, sondern anregend verspieltes Songwerk. Ich gestehe, nicht so viel Freude am rein moduliert Erzeugten zu haben, freue mich aber, daß nicht der Tekkno-Hammer am Plattknallen ist.

Knallen darfs dann aber wieder, wenn die Gitarren das Sagen haben. Mein Dresden Lob ich mir, es ist ein Elbflorenz... Aber nein, doppelt falsch, denn weder Faust, noch Pankow, sondern die gerade wieder mit neuen Drogen so brilliante Residenz-Stadt-Szene erfreut uns mit einer neuen Band. Wieder ist Gier im Schwange: Greedy Gods nennt sich ein Quartett um F. Baumgärtel. Ich weiß nicht, was da hinter den Kulissen abläuft, daß es nicht nur diesen Bandnamen hat, sondern auch einen Song, der exakt so heißt, wie der LP-Titel von Need A New Drug. Rein stilistisch gibt es schon auch einige Ähnlichkeiten, was mich aber freut. Jede gute Band soll ihre Chance bekommen und mit den sechs Stücken von Greedy Gods kann man sich gut ins "Abrocken" begeben. Die durchweg englisch gesungenen Songs sind nicht einfältig, nur wieder mal nicht so doll produziert. Aber dann wärs wohl auch gleich eine Platte geworden.

Noch etwas weiter vom Prädikat "brilliante Produktion" ist das Tape von Dead In Ohio aus Weißenfels. Die Kapelle um Rico Köber hat schon vor einem knappen Jahr mit einer ersten Kassette um Gehör gebeten. "Welcome to Bagdad" ist wohl nicht der Knaller gewesen, deshalb gibt es auf der neuen Kassette "Sick" einige der alten Stücke in neuer Aufnahme. Aber, wie gesagt, die Produktion ist nicht das beste. Vor allem nervt, daß die Gitarre kaum Sound-Varianten anbietet. Ein Problem, das man auch als Selbstproduzent mit etwas Erfindungsgabe lösen kann. Mit mehr Geld und Technik wärs natürlich noch leichter. Die Songs sind von schlichter Einfacheit, gelegentlich sind die zum Teil deutschen Texte erfreulich komplex. Eine halbe Stunde Musik für 8,-DM, da hat man, was man weiß.

Lange habe ich keine Frauen mehr gehört. Jedenfalls nicht auf Tapes von sogenannten "Jungen Bands". Klar. Nun findet es sich, daß gleich zwei Sängerinnen von schmalen Bändern tönen, jeweils sehr verschieden. 1988 gründete sich eine Band namens Kein Mitleid. Nicht jene ohne Mitleid für die Mehrheit, sondern eben jene ganz ohne. So mitleidlos, wie sie sich gaben, tracktierten sie dann auch den Hörer mit schwerfällig Gruftigem. Ein Hauch von Vielem, keine Spur von Gutem. Das jedenfalls krame ich aus meinen Erinnerungen. Zwei von den Mitleidlosen bereicherten den italienischen Opernfreundeskreis, Jörg und Katrin Schittkowski machten weiter und verwandelten sich 1991 in Easter. Rockmusik, das. Einfach so und so einfach, weil auch nicht irgendwie überwältigend. Jedenfalls die Musik. Tausendmal gehört. Am Gesang sollst du sie erkennen, sagen Kritiker deutscher Rockmusik und so falsch eine Verallgemeinerung ist, hier schreit es gerade nach dieser: So sollte keine singen..keiner auch. Hoch leben alle Bobos und Katarinas dieser Welt, sind sie doch der Beweis für das Gegenteil der These, die sich hier schreiend aufdrängt: Deutsche können nicht singen. Es ist zu schlecht für netten Pop und zuwenig ungut für Punk...es ist nur unambitioniert. Immerhin plant Easter eine EP, auf der man dann vielleicht etwas anderes hören kann.

Es gibt verschiedene Gründe, sich für das Medium Kassette zu entscheiden. Die einen haben kein Geld für eine Platte, weil sie Anerkanntes noch nicht lange genug machen, oder nicht gut genug. Andere machen Nichtanerkanntes lange und gut, ohne daß sich Geld oder Möglichkeit für Platten einstellt. Am Ende liegts vor allem an den Hörern, ob sie sich ein Tape mit Punk, Gitarrenpop oder Avantischem beschaffen. In jedem Fall hält dieses Medium den Interessentenkreis von vornherein klein, wenn es ausschließlich benutzt wird. Drei besonders schöne, oder gute, oder wasauchimmer Beispiele für Kategorie zwei möchte ich am Ende dieser Tapecontrol-Ausgabe vorstellen.

Noch zum Frau-singt-Teil gehört die Band 3Tot. Schon das Cover weist auf eine Zusammenhang mit bildnerischem Schaffen hin. Mir nicht vorliegende Informationen entheben mich langer Erklärungen. Das ist einfach eine aufregende Songsammlung unter dem Titel "Ich und Du". Sparsame Begleitung mit elektrischen Tasten und Geräuschen und eine spröde Stimme, die kaum ausgebildet sein kann und auch mal einen anderen Weg einschlägt, als die Melodievorgabe es zu verlangen scheint. Das klingt nicht falsch, erinnert eher an Weillsches Verfremden. Leider sind heute zu wenige Musiker noch wirklich naiv. Vielleicht sind es die, die diese Kassette gemacht haben. Es gibt keine Kontaktadresse für 3Tot in einem beigelegten Brief hieß es aber, daß das Tape in einige Plattenläden Berlins zu haben wäre.

Zwei weitere Bänder kommen von einem namens Jeremy Clarke. Hab ich noch nicht gehört. Die Teile lagen irgendwann auf meinem Tisch im Funk. Da laufen ja jetzt immer so viele Westberliner rum..einer von denen wird's schon gewesen sein. Ist mir auch egal, weil das Zeug gut ist. Ich will das mal als Berliner Schule bezeichnen, obwohl das ja eher negativ belastet ist. Was ich meine, sind die genialen Tüftler der frühen 80er aus den Waschsalons und Karibischen Western. J.C. aus Kreuzberg hat auf zwei Tapes eine kleine Sammlung tönender Statements zur Zeit installiert. Das Band "Agatien" präsentiert verschiedene Berliner Typen: die Oma, die beim Abwaschen von der "schweren Zeit" erzählt, Diener, Jazzfreaks, Faschos... Elektronische Verfremdungen, Geräusche und diverse selbsterzeugte Sounds arbeiten an der Vorstellungskraft des Hörers. Auch das zweite Band "The Human Mind evil Forces" berichtet von Vorgängen alltäglicher Art auf denkbar unalltägliche Weise. Dabei dominieren keine prügelnden Drumsequenzer, alles läuft seltsam flächig ab, ohne flach zu sein. Eben keine billige Reizerregung, sondern eine aufregende Realitätsverfremdung.

Lutz Schramm