Tape Control 07 1993

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Der ausgehende Frühling, in diesem Jahr durch besonders warme Tage charakterisiert, hat bei einigen Bands den Entschluß reifen lassen, sich endlich an diese kleine Rubrik zu wenden, damit die Karriere einen entscheidenden Knick nach Aufwärts bekommen möge. Die erste große Überraschung kommt diesmal aus den alten Bundesländern. Dort macht ja fast jeder, der eine annähernd brauchbare Idee hat, eine Platte. Trotzdem sind auch die LiebhaberInnen der kleinen Compact-Tapes noch umtriebig. In Stuttgart leben zum Beispiel zwei Typen, die ihre Band Pinkeln ohne Furz nennen. Namen sind ja eigentlich Schall und Rauch. (Und doch sind wir immer doppelt interessiert, wenn sich Bands so nennen, oder vielleicht auch "Naturidentische Aromastoffe" oder wie auch immer.) Nun geben uns Harry Lee Zenz und S.C.Wuller mit ihrem Projekt wirklich zu denken auf. Pinkeln ohne Furz (was ja auch in gewissem Sinne eine Kunst ist), lassen einfach einen auf die Popmusik fahren. Drei Songs sind auf ihrer Kassette und damit geben sie drei Sparten der populären Musik ihre spezielle Parodie. Bei "Mahlzeit" fressen sich die beiden und ihre zahlreichen Gastmusiker durch den Krach einer reichlich gedeckten Fastfood-Tafel, "Countrytime im Godertal" stiefelt über die Mainstreet von Nashville: im Dirndlkleid, und "Ich will alles" ist die definitive Antwort auf den neusten Hit der Toten Hosen (obwohl auch POF "Kauf mich" eigentlich noch nicht kennen konnten). Böse gut.

In diesem Monat kann nun auch der endgültige Beweis erbracht werden, daß der Aufschwung Ost nicht alle zarten Blüten ostelbischer Kunstfertigkeit mit spätkapitalistischem Kommerzdenken geschwängert hat. Offensichtlich haben die unternehmungslustigen Jungen und Mädchen im seeligen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) die freidenkerische Tätigkeit, die "damals" in und um die Theater-Klause ihr Zentrum hatte, in die heutige Zeit gerettet. Eines der aktuellen Netzwerke dieser Szene ist Schön Rund, was sowohl Name, als auch Beschreibung ist. Abgerundet wird das musikalische Prgramm von Schön Rund durch ein Buch und geplante Filme, sowie diverse Live-Ereignisse. Uns interessieren hier allerdings ersteinmal die vier bislang erschienen Kassetten. Der harte Kern von Schön Rund besteht aus sieben Personen (wenn ich ein beiliegendes Organigram richtig gelesen habe). Die Verknüpfungen über verschiedene Musikprojekte und Bands führt zu einem engen Netz, das wir so oder so ähnlich aus anderen Metropolen (Hannovers "Silke Arp bricht" oder Olympia, Washingtons K-Label) bereits kennen. Der musikalische Geist, der in diesen Chemnitzer Musikern erlebbar wird, kann dann auch in der Tradition jener genialen Soundarbeiter verstanden werden, die in den USA im Umfeld von NEGATIVLAND, Daniel Johnston oder Kramer agieren. Da haben wir zum Beispiel das Quartett The Seadorf Beaters. Rüde schabende Gitarren, schlichtes Songwerk - Surf Noise nennt es sich selbst. Die Lyrik brilliert übers Leben, ohne Ambitionen. (Tape A4 "Surfen in Göhren")

Die zweite Band im Team heißt Schaumspielhaus. Hier regiert die musikalische Anarchie, was ja bekanntlich auch eine gewisse Ordnung vorraussetzt. Auch hier spielen vier Musiker an diversen Geräten. Mit ihrer Tape-Maxi erfreuen sie alle TanzfreundInnen: der Disco-Klassiker "Daddy Cool" wird hier in zwei Versionen aufs Vortrefflichste zersägt. Dazu kann man sich bei einem anderen eigengeschöpften Song locker einswingen ("When we hit the Sky, we were high"). Das ganz lange Tape von Schaumspielhaus mit dem Titel "Schwuchtel", bringt knapp 20 verträumt-trashige Teile hervor, die von einer sehr reläxten Sessionatmosphäre zeugen. Ein viertes Band wurde von Gitarrist/Sänger Tom Horn bespielt. Unter dem Titel "Intercosmos" spielt er seine Lieblingsmelodien. Und auch hier gilt: In den Röhren muß die Freiheit grenzenlos sein! Für die FreundInnen ungebundenen Musizierens dürfte das bisherige Kassetten-Repertoire von Schön Rund eine erfreuliche Entdeckung sein.

Weitere Tapes und Demos kamen aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Berliner Band Mr. Ed jumps the Gun hat die Besucher des Bands-United-Festivals Ende April im Berliner Tempodrom begeistert. Das schlichte Verfahren, alte Rock-Standards als Gitarren-Hip-Hop Versionen aufzubereiten, wurde ja bereits vom Ostberliner Projekt B.R.O.N.X. in den späten 80er Jahren praktiziert. Mr.Ed hat sich allerdings ein etwas ausgereifteres Konzept zurechtgelegt. Die Standards zwischen "My Generation" und dem "Summertime Blues" werden nicht nur in das neue Soundgewand gepreßt, sie werden auch noch durch eigene Details angereichert. Kein Respekt vor den Heroen und gerade deshalb so unerbittlich gut.

In Bad Liebenwerda hat sich Dirk "Ritchie" Wesers Band Bunte Trümmer nach einigen Umbesetzungen wieder an die Öffentlichkeit gewandt. Der konsequente Landpunk, der hier immer auch einen kräftigen Hauch 70er Rockgitarre hat, wird noch immer praktiziert. Die neuen Aufnahmen klingen gut und machen sicher auch live 'ne Menge Spaß. Das Riesaer Kulturblatt "Spot" empfiehlt Bunte Trümmer als anhörenswert und lebensnah.

Ganz neu scheint die Band Uncle Scrooge zu sein. Aus dem Holsteinschen Ibbenbüren stammt diese Kapelle, deren eher traditioneller Rocksound, fast wie die Bunten Trümmer, irgendwie zwischen New York Dolls und Led Zeppelin pendelt und damit zumindest den Geist der Zeit annähernd getroffen hat. Auf ihrem Demotape hören wir drei Studio- und zwei Live-Songs. Der Sänger klingt fast ein Bissel wie The Fate. Aus Berlin stammen Third Uncle und Oatley Tap. Die beiden befreundeten Bands klingen, bei ähnlichem Ansatz doch verschieden. Der Dritte Onkel kann seinen Anspruch, der mit Songs wie "H.Rollins" formuliert wird, nicht ganz einlösen. Zu unentschlossen und zu wenig experimentierfreudig, was Sounds angeht, wird hier gespielt. Oatley Tap gehen weit deutlicher zu Sache. "Rip Popmusic alive!" heißt ihr Demo-Tape und deutet einiges von der Härte an, die die Band auch live (ebenfalls bei Bands United) auf die Bühne bringt.