Zusamm-Rottung - NMI/Messitsch 2/1992

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If the Kids are Zusamm...

Anschluß findet der Bürger im aktuellen Staatsprogramm. Der große Rangierer hat sein fettes Gesäß gehoben und kann sich doch noch nicht entscheiden, auf den anderen Stuhl zu wechseln. Alles Aussitzen hilft aber den ewig am Arsch gekniffenen nicht. Und Hennigsdorf ist jetzt ganz Provinz, oder sag einfach "Umland". Die Geier kreisen und die Bullen schmatzen auf den Weiden. Lutz Schramm traf sich mit zwei Ratten, die ihm das Reich der wilden Tiere beschreiben konnten. Papa La Pap!

Sprechen ist eigentlich doch das Einfachste. Versuch doch mal, einen Gedanken als Bild zu fassen, oder pfeife ein Argument, daß es jeder versteht. Du bist kein Genie? Eben. Bloß, was willst Du nun wirklich tun, wenn Du einen oder eine triffst und etwas mitzuteilen hast? Sprich Dich aus! Und rede, wie Dir der Schnabel gewachsen ist. Leichte Rezepte, das und oft auch richtig. Leider gibt es neuerdings so viele Mißverständnisse, wenn die Leute miteinander reden. Es stimmt kaum noch etwas und viel Neues scheint schlecht.

Als irgendwann im Sommer '88 in Hennigsdorf diese Garagen-Tür aufflog und der herumstreifende ABV nichts Klügeres aus sich heraus brachte, als: "Das is ja ne Zusamm-Rottung!", da war zwar klar, wie Liane, Smily, Kunz und Kloopfote ihre Band nennen sollen, aber keiner konnte vermuten, daß knapp vier Jahre später die erste Platte bei einem Westberliner Label erscheinen würde, einem Label, auf dem schon SLIME und andere Heroen gesignt waren. Die Zeiten haben sich also geändert. Alex und Kloopfote haben mir an einem trüben Februar-Abend ein paar Schnurren dieser wilden Zeit erzählt. Da war das erste Konzert, im Oktober 1988...

Am 7., ne, am 14.Oktober 1988. Das war genau ein Wochenende nach dem 7.Oktober. Da kannten wir uns einen Monat. Und wir mußten gleich 6 Stunden am Stück spielen. Kloopfote hat damals grade einen Monat Schlagzeug gspielt. Eigentlich sollte da PAPIERKRIEG spielen, in der Großwoltersdorfer Kirche, aber in Neuruppin solte es Gage geben, da sind die lieber dahin gezogen. Jedenfalls gabs irgendwelchen Trouble mit Geld, die sollten aber die Anlage mitbrigen und kamen nicht. Also haben wir gesagt, ne, laß uns unser Zeug aus der Hennigsdorfer Garage holen und dann haben wir eben den ganzen Abend gespielt.

Und zum Frühschoppen haben wir dann gleich weiter gemacht. Die waren zwar fast alle breit, aber es war mächtig was los. Und Stasi kam auch noch... und am nächsten Tag gabs auch noch Ärger mit den Pfaffen, die sich aufgeregt haben, wie man die Kirche so enteheren kann. Aber s'war schön. Damals hatten wir natürlich noch keine schickn Gitarrenverzerrer. Konnte man sich zwar von der Oma mitbringen lassen, von drüben. Hatte ich aber noch nicht. Und da hatten wir so'n Stern Rekorder, den habe ich am Eingang einfach übersteuert und das war dann der Verzerrer. Das klang auch verdammt gut. Das hat sich bei manchen so eingeprägt, daß immer mal wieder Leute kamen und gesagt haben: Ach die Stern-Rekorder-Band.

Nach diesem ersten Konzert war erstmal eine Weile Ruhe. Gleich beim ersten Konzert die Stasi und dann immer wieder Ärger mit denen oder den Bullen in Hennigsdorf. Da haben wir erstmal nur bei Feten gespielt, in Falkensee und so. Aus Falkensee kommt Kloopfote. Und da war eigentlich immer eine ziemlich starke Szene. Also zu Ostzeiten noch, jetzt ist natürlich alles ein bischen verrissen. Aber damals haben wir auf Parties gespielt mit ICH-FUNKTION. Olle Haupt, der ging in meine Parrallel-Klasse, der ist der Schlagzeuger von ICH-FUNKTION und sein kleiner Bruder spielt bei HAF Gitarre. Und der hat da so'ne Freilichtbühne besorgt, wo wir immer mal für'ne halbe Stunde rumdudeln konnten. Der Wirt hat dann immer gesagt, wir solln die Gesangsanlage leiser machen, wegen der politischen Texte..und Stasi war wohl auch immer mal da.

Wie hat sich das abgespielt, wenn die Stasi sich bei Euch gemeldet hat?

Die haben sich ja nicht direkt gemeldet. Mir haben Leute aus Falkensee, von denen ich nicht so genau weiß, ob sie IMs waren oder so, gesagt, daß wir das doch lieber lassen sollten, aufzutreten, denn es wurden Texte von uns gehört und das wäre dann doch nicht so gut für uns. Also direkt an uns herangetreten sind sie nicht. Nur übern ABV mal, aber da gings offiziell immer um ruhestörenden Lärm. Da wurden wir auch vorgeladen und der Sheriff wollte wissen, worum es in unseren Songs geht und ob wir eine Einstufung haben... Mit dem konnte man aber quatschen. Der hat früher in der R&R-Zeit selber in einer Band gespielt.

Uns war eh klar, daß wir keine Einstufung bekommen würden und an den entsprechenden Stellen immer zu pfeifen, das war uns auch zu blöd. Aber kurz vor der Wende, im Sommer'89 hieß es immer, daß in Berlin die Kommissionen recht frei sein sollen. Und da haben wir uns schon überlegt, ob wir nicht so eine Einstufung bekommen können. Aber das hat sich dann eh von selbst erledigt. In Oranienburg, wo die für uns zuständig waren, wars echt spießig...

So regelt sich eben vieles von selbst... Irgendwie scheint es auch so zu sein, daß sich die Punk-Szene selbst entschärft. Möglicherweise ist es nicht der richtige Weg, die Zustände zu beklagen. Aber wenn man sich der aktuellen Probleme nicht bewußt ist, kann man auch nix dran ändern. Was Kloopfote und Alex zu erzählen hatten, war leider auch nicht so angenehm.

Schlimm is es geworden. Grad bei mir im Klub (LA PAP in Hennigsdorf). Ich hab da ne ABM Stelle und da gehts mehr so um Kohle machen, Teckno-Diskos und all den Kram. Die Szene ist total zerstritten. Damals haste mehr zusammengehalten. Damals wars schon irgendwie exklusiver. Leute die man nicht kannte, wurden links liegengelassen, grade Stasimäßig und so. Da war es schwer in die Gruppe reinzukommen, aber wenn Du drin warst, warst Du wirklich drin. Das war eine bestimmte Auswahl, du mußtes zeigen, daß du dazugehörst. Jetzt ist der Zusammenhalt nicht mehr so, jeder macht sein Ding. Kohle ist Nummer eins uberall...

Was ich nicht verstehe: Früher, im Sozialismus/Stalinismus hat sich keiner irgendwie einschüchtern lassen durch Stasi-Sachen und solche Dinge. Und jetzt gehn die Leute nicht zu Konzerten, weil sie Angst vor den Rechten haben.

Und dann sind die Leute völlig satt. Wenn wir in Berlin spielen, merkt man das schon am Publikum. Es gibt auch gute Sache, wie die Record-Release-Party von den SKEPTIKERN, da war volle Stimmung. Aber es ist immer schwieriger das Publikum zu begeistern, weil die Leute eben auch die großen Acts aus England und sonstwoher sehen können.

Wenn du dann aus Berlin raukommst, zum Beispiel neulich in diesem riesen Saal bei Salzwedel, da ist es knackend voll und die Leute stehn drauf. Da kamen die Leute aus Hannover und Magdeburg. Wenn Du mit alten Freunden über alte Zeiten redest..OK du hast dich öfter mal mit den Bullen in den Haaren gehabt, aber irgendwie war mehr Spaß. Weist ja wies ist: Wenn Scheiße ist und alle in der Scheiße sitzen, wird zusammengehalten. Das ist doch jetzt besonders nötig. Grade mit der Faschosache. OK wir machen Selbstverteidigung und so aber da hat auch keiner so richtig Bock drauf. Und dann der Suff. OK ich war auch dabei, aber ich bin jetzt schon anderthalb Jahre weg, aber viele macht das eben kaputt. Die schütten sich die Birne zu. Um Zehne sind sie breit, machen Scheiße, gehn nach Hause.

Das mit den Skins hat früher auch anders funktioiert. Bei Konzerten waren alle zusammen. Wir wußten zwar, daß die sich im Westen oder so irgendwie auf die Fresse hauen würden, aber hier konnte man nebeneinander stehen. Da waren auch bei ZUSAMM-ROTTUNG-Konzerten Skins und es ist nie was passiert. Aber jetzt wo das mit Skins und Punks und links und rechts so schlimm geworden ist, macht es bei Konzert oft keinen Spaß mehr.

Und das wird dann in der Presse so hochgespielt... Du brauchst auf der Strasse bloß mal ein bischen anders auszusehen und mehr so kräftig aufzutreten, da hast Du schon jede Menge Platz. Du kannst breit loofen wie Du willst, brauchst Du bloß mal auszutesten. Und das wird in der Presse so aufgebauscht, daß man alle gegeneinander ausspielt. Die Leute sind stark, aber sie wissen es nicht.

Das ist ja ein bekannter Trick, der eben immernoch funktioniert: Laß die Leute sich gegenseitig zerfleischen, dann kommen sie nicht auf die Idee, sich nach "Oben" zu strecken. Nun ist es ja gut, daß es Bands, wie die ZUSAMM-ROTTUNG gibt, die auch mal sagen/singe, wo's langegeht. Aber hören die Leute bei den Konzerten überhaupt noch zu und können mit den Weisheiten was anfangen? Alex und Kloopfote sind sich da erstmal nicht einig. Ich glaube schon... Ne, ich habe kein Vertrauen mehr...Doch, die Leute stehen vor der Bühne und singen die Texte mit und sie sind aggressiv. Und es ist schon interessant, daß die meisten Texte noch immer fast die alten sind. Wir haben manchmal nur ein paar Zeilen geändert und der Rest ist immernoch zutreffend. Wenn jemand die Songs das erste Mal hört, der denkt, wir haben das gerade eben erst geschrieben. Und wenn du denen dann sagts, daß das fast das selbe ist, wie zu DDR-Zeiten, nur daß es jetzt nicht mehr "****enschweinen und Stasimacht" heißt, sondern "****enschweinen und Geheimdienstmacht". Das ist genau die gleiche Gülle. Hast mehr Freiheiten...aber wenn Du dich umsiehst...genau.

Vielleicht wird einer Band, wie dieser da schon übel genommen, daß sie eine Platte machen. Aber bitte: AGR/Fluxus ist nicht Amiga!

Jeder will Millionär werden, aber darum gehts doch eigentlich nicht. Mit der Platte können wir nicht allzuviel Geld verdienen. Was wichtig ist: das man im Leben ist und Fun hat. Und unsere Musik entsteht aus einer Aggression, die sich nicht geändert hat. Leider gibt es zu viele Leute, für die ist ein bissel Reden und das A mit Kreis auf der Jacke schon die Revolution ist. Und davon habe ich die Schnauze auch langsam voll.

Trotzdem scheinen die vier ZusammrotterInnen das Ding nicht aufgeben zu wollen. Sie beschreiben zwar auch die Leere im Kopf, das Feheln von wirklichen Ideen, gerade im Moment. Aber der gute Musiker kann gerade diesen Zustand zum Thema machen, wenn er sich denn schon eingestellt hat. Kaum jemand weiß bisher, daß der im Februar tödlich verunglückte Sandow-Manager Mario Loke auch mit der ZUSAMM-ROTTUNG gearbeitet hat. Er hat sie sozusagen zu ihrer Platte gebarcht...

Mario war für uns ziemlich wichtig. Der hatte die ganzen Kontakte und hat sozusagen auch dafür gesorgt, daß wir zu Jo Mulder gekommen sind. War ganz gut so...is schon Scheiße. Das war so zwei Jahre her, da haben wir ihn mal angequatscht, ob wir mal spielen können . Und er hat Mulder eingeladen, der damals gerade die zweite SANDOW-Platte produziert hat. Der wollte eigentlich keinen Punk machen, aber das war so die einzige Möglichkeit, für uns.

Es ist also gar nicht so, daß Jor euch direkt kennengelernt hat...

Ne, den haben wir erst bei den Aufnahmen kennengelernt. AGR war eigentlich auch nicht uninteressiert, aber die wollten zu der Zeit keine neuen Bands aufnehmen. Und Jor hatte, wie gesagt keine große Lust Punk oder Hardrock zu produzieren. Er hat dann zwar den Produzenten gemacht, aber eigentlich haben wir das Ding in der Hand gehabt. Jor hatt ja in dieser Zeit auch diverse andere Sachen betrieben, wie sein Techno-Projekt. Er hört auch mehr für sich selbst so schräge Sachen... Da hat er natürlich auch Erfahrungen einbringen können.

Die ganze Produktion stand unter dem Low-Budget-Stern, da kannst Du nicht am Mix bis sonstwann rumfeilen. Die Zeit sitzt Dir immer im Nacken. Dazu kam, daß das Studio in der Zeit auch von anderen Bands genutzt wurde. Es mußten also immer wieder die alten Einstellungen gefunden werden...

Aber insgesamt hattet Ihr das letzte Wort, was die Produktion anging.

Bei einigen Sachen hatten wir das letzte Wort, Es gab aber auch Songs, da haben wir gesagt, es ist OK so, sie werden wie sie werden. Und manchmal haben wir es auch sein lassen, weil keine Zeit mehr war.

Die Platte aus dem wilden Tierreich der zusammgerotteten Randberliner klingt wohl nicht immer, daß einem die Ohren wegfliegen. Das kann man aber verschmerzen, wenn man zum Beispiel daran denkt, daß hier die genialen Trommel-Teile von Takt & Ton unter der Kloopfote vibrierten. Von der 1990 in Fiedels-Studio eingespielten Kassette "Jetzt erst recht" hat die Band, mühsam im Handvertreib und im Wettlauf mit den aktuellen Gebührenerhöhungen der Post, immerhin ca. 250 Teile verteilt. Man darf sicher sein, daß die LP mehr Leute erreichen wird, zumal jetzt auch ein solider Vertrieb für Präsenz sorgt.

Und dann finden sich vielleicht doch mal wieder ein paar unentwegte Typen zusammen, die sich aufeinander verlassen können, ohne daß immer gleich Kohle im Spiel sein muß und irgendwelche Dröhnungen mit Alk und anderem. Es gibt genug zu tun...Ihr wißt schon was ich meine. Seltsamer Weise gibt es in den Punk-Szene auch dieses Ost-West Problem. Woran es Beispielsweise liegt, daß es in den letzten Monaten zwei Anti-Nazi-Sampler gegeben hat, auf denen nicht eine einzige Ost-Band zu finden war, kann ich mir nicht erklären. Und auch Alex wundert sich, allerdings etwas agressiver: Ich frage mich auch, wieso es nicht möglich sein soll, Ost-Bands auf solche Sampler zu bringen. Gerade jetzt, wo wir die Möglichkeiten haben...früher wärs wahrscheinlich mehr Abenteuer gewesen. Vielleicht hats was mit Konkurenz zu tun. Aber das sollte vielleicht nicht bei solchen Gelegenheiten ausgetragen werden. Eventuell müssen "wir im Osten" unsere eigenen Anti-Nazi-Aktionen machen...

Aber das war ja weiter Oben schon Thema: Nur wer sich zweigeteilt nicht einigt, ist schwach genug, um ausgesessen zu werden.