Zwischenbericht eines Jung-Produzenten - Unterhaltungskunst 10/1988

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Artikel für „Die Unterhaltungskunst“ Oktober 1988

Seit Oktober 1987 veranstaltet Jugendradio DT64 in Kooperation mit der Produktionsabteilung/Jugendmusik des Rundfunks Konzerte, die für die Sendung "Parocktikum" mitgeschnitten werden. Dadurch haben Gruppen die Möglichkeit, Aufnahmen ihres Repertoires zu erhalten und ihre Medienpräsenz zu erhöhen. Lutz Schramm, der diese Mitschnitte organisiert, gibt uns einen

Zwischenbericht eines Jung-Produzenten

Irgendwo zwischen "Vibrationen" und "Morgenrock" versuche ich einer Robotron 202, kurz vor Abgabetermin dieses Artikels, den Problemkatalog eines Produzenten klarzumachen. Aber ersteinmal erinnere ich mich an zwei Tanz-Turnier-Jury-Mitglieder, die am Nachbar-Früh-Stückstisch eines Karl-Marx-Städter Nobel-Hotels über einen Kollegen herziehen, während ich mir Gedanken mache, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine Gruppe, wie die AG Geige für den Rundfunk zu produzieren.

Diese Zweifel kann auch die laue Oktoberluft nicht wegblasen, als ich mich zur "Galerie am Brühl" bewege, wo in dem vor der Tür geparkten Ü-Wagen 6 Titel ebendieser Gruppe aufgenommen werden. Es ist das Eine, wenn die vier jungen Karl-Marx-Städter in ihrem Wohnzimmer Kassetten produzieren, die ausschließlich ihren Intentionen entsprechen; das Andere ist es, wenn die selben Leute vor einer 16-Spur-Anlage stehen und neben dem plötzlichen Technologieschub auch mit der Ungewissheit leben müssen, was denn später mit ihren Aufnahmen passieren soll. Hier kann nur die Vermittlung durch Eingeweihte helfen. Und das ist das eigentliche Problem. Im speziellen Fall gilt es nicht nur zwischen nur zwischen Technik und Musikern zu vermitteln, was in der Regel jeder gute Tonmeister kann. Hier muss auch zwischen "technischem Personal" und Musikern vermittelt werden, denn beide Parteien haben geradezu konträre Hörgewohnheiten. Dafür sind zwei Tage (bei Live-Mitschnitten maximal 5 Stunden) nicht ausreichend.

Es fehlt kaum an gutem Willen, aber eingefahrene Vorgänge und feste Ästhetische (vor-) Urteile kann man bekanntlich selten ändern. Unterschiedliche Ansichten zu den verschiedenen Problemen führen immer wieder zu Misstrauen. Nicht nur bei der Produktion mit der AG Geige, die natürlich mit ihrem außergewöhnlichen musikalischen Konzept für solche Differenzen sorgt. Auch bei den Konzertmitschnitten mit "Die Art" und "die anderen" war Misstrauen auf beiden Seiten (Techniker und Musiker) Ursache für kleine und große Mängel am Endprodukt. Schließlich muss man aber für beide Verständnis haben.

Da sind zum einen die Leute vom Ü-Wagen, also der Toningenieur, Tonmeister und die Assistenten. Sie haben laut Dienstplan diesen oder jenen Job zu tun. Ein Mitschnitt im Schauspielhaus, die Produktion der AG Geige, eine Sendung aus Kleinkleckersdorf, ein Konzertsmitschnitt im KKH Treptow und dann wieder "7 bis 10, Sonntagmorgen in Spreeathen". Alles in allem Routine. Nur eben diese "Wilden", die so nervige Musik machen und dann auch noch diverse Wünsche haben, ohne eigentlich genau zu wissen, was sie wollen.

Erst nach und nach finden die Gutwilligen unter den Tonleuten hier und da gefallen, stellen fest, dass doch etwas dahinter steckt und geraten in eine fast exstatische Kreativität. Die anderen, die Musiker also, alle so um die 20, sind es nicht gewöhnt, dass man mit Angestellten einer staatlichen Institution, wie dem Rundfunk zusammenarbeiten kann. Bislang haben sie sich selbst durchgeboxt, jetzt sitzen dort erfahrene Leute, die aber kaum ein Gefühl für die Musik haben und manchmal diese Fahrlehrer-Mentalität an den Tag legen.

Je nach persönlicher Veranlagung können diese Hindernisse nach und nach beseitigt werden. Wenn das nicht funktioniert, muss man schon mal hören: "Für die ist das Band zu schade". Wenn es funktioniert, kann es so laufen, wie beim Mitschnitt der "Skeptiker", wo sich Tonmeister und Gruppen-Techniker geradezu euphorisiert und einen technisch vorzüglichen Sound geliefert haben. Leichter wäre es natürlich, wann Ü-Wagen-Besatzung, Tonmeister und Musiker gleichaltrig und gleichgesinnt wären. Hier gibt es aber (zur Zeit?) ganz objektive Personalprobleme. Ich habe bei den bisherigen Gelegenheiten festgestellt, dass ein "sich Gewöhnen" einsetzte. Die Erfolge der fertigen Produktionen ermutigen sicher auch potentielle Kandidaten unter den bislang noch nicht produzierten Gruppen, das Wagnis einzugehen. Schließlich geht es vor allem darum, die Musiker aus unterschiedlichsten Bereichen zu unterstützen und sie von der Notwendigkeit halblegaler Hilfsmittel zu befreien.

Leider ist noch nicht überall die erforderliche Offenheit zu konstatieren. Sicher ist die Musik von "Die Art" und den "Skeptikern" keine, an die man sich gewöhnen kann (oder soll). Aber hier und da könnte sich die Toleranzschwelle schon noch etwas verschieben. Wer den Anspruch der AG Geige als "nicht kunstfähig" einstuft und damit nicht nur nichts verstanden hat, sondern auch Mangel an Toleranz erkennen lässt, erweist sich als unzeitgemäß. Und das muss nicht an Alter oder an der Dienststellung liegen.

Erfreulicherweise gibt es gerade von der Musikproduktionsabteilung des Rundfunks die nötige Unterstützung, die sich nicht nur in verbalen Bekundungen erschöpft. Man kann immer von einander lernen, und das ist wohl die wichtigste Erkenntnis aus den bisherigen Erfahrungen.

L.Schramm

Bisher wurden folgende Gruppen für das "Parocktikum" produziert bzw. mitgeschnitten: AG Geige, die anderen, Die Art, Rosengarten, Das Freie Orchester, Die Skeptiker, Der Expander des Fortschritts.

Bilder

Ina Kummer, Ag Geige, Rundfunkproduktion 1987<br/>Foto &copy; Lutz Schramm
Jan Kummer und Frank Bretschneider, Ag Geige, Rundfunkproduktion 1987<br/>Foto &copy; Lutz Schramm
Ü-Wagen vor der Galerie am Brühl, Rundfunkproduktion 1987<br/>Foto &copy; Lutz Schramm