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Musik- und Filmproduktion in Jena, ca. 1975 bis 2010, zwischen 1985 und 1990 auch Kassetten-Label. | Musik- und Filmproduktion in Jena, ca. 1975 bis 2010, zwischen 1985 und 1990 auch Kassetten-Label. | ||
Der Initiator der ''Hinterhofproduction'', Thomas Grund genannt "Kaktus" (*1953 in Jena) kam Anfang der 1970er Jahre als Mitarbeiter zur JG (= Junge Gemeinde) Jena-Stadtmitte. Neben Jugendlichen, die sich dort zum Musikhören trafen, gab es auch eine Band namens '''[[Peaceful Dead]]''', von der 1971 ein Live-Mitschnitt angefertigt wurde. Als sich Kaktus zunächst um eine Vervielfältigung der Aufnahmen kümmern wollte, war die Band plötzlich aufgelöst, weil deren Frontmann [[Michael Brose|Michael Steinhorst]] verhaftet und verurteilt worden war. Nach seiner Haftentlassung betätigte dieser sich unter dem Namen '''Pastor''' als Liedermacher und Aufnahmen seiner Songs gehörten zu den ersten, die Kaktus innerhalb seiner JG-Tätigkeit technisch realisierte. <br>Die JG gehörte zum Kreis der in Thüringen begründeten "Offenen Arbeit", einem Konzept, das Kirchen als Orte der Zusammenkunft und des Austauschs auch für nichtreligiöse, oft marginalisierte und staatlichen Repressionen ausgesetzte Personen mit alternativen Lebensentwürfen eröffnete. Wichtige Großereignisse waren z.B. die Jugendveranstaltungen "JUNE 78" und "JUNE 79" in Rudolstadt, nach denen allerdings die Aktivitäten der "Offenen Arbeit" auf Betreiben der DDR-Staatssicherheit und im Einvernehmen mit der Thüringer Kirchenleitung wieder stark eingeschränkt wurden. Im Zuge dieser Entwicklungen wurde auch Kaktus 1976 zu einer Tätigkeit als IM (= Informeller Mitarbeiter) der Stasi gedrängt, aus der er sich aber nach Dekonspiration bis 1982 mit Hilfe von Kirchenverantwortlichen wieder lösen konnte. 1981 begann er eine Ausbildung zum Jugenddiakon, von 1982 bis 1991 war er als Kirchensteuerkassierer im Kirchenkreis Jena tätig. Eine finanzielle Unterstützung, die ihm für diese Tätigkeit aus Westberlin gewährt wurde, sorgte für regelmäßige technische Verbesserungen des HP-"Studios". | |||
Erst 1983 entstand mit '''[[Airtramp]]''' wieder eine Band intentional alternativer Jugendkultur in Jena, zu deren Unterstützung Kaktus nun von Anfang an tätig wurde. 1984 entstanden in den Räumen der JG Aufnahmen mit dem dazu von Kaktus organisierten Equipment, ab 1985 wurden deren Ergebnisse als erste Kassetten mit dem Label ''Hinterhofproduction'' in Umlauf gebracht. Als sich die vor Ort geschaffenen Möglichkeiten herumsprachen, kamen Bands und Musiker aus anderen Thüringer Städten, aber auch aus Berlin nach Jena. Die DIY-Produktion und ihr Vertrieb nahm in kurzer Zeit überregionale Dimensionen an und verschaffte der ''Hinterhofproduction'' DDR-weite Wahrnehmung. Die meisten Tapes wurden von Kaktus selbst in Jena produziert, '''[[Antitrott]]''' brachten dagegen bereits fertige Aufnahmen aus Berlin mit. Im Mai 1987 debütierte mit '''[[Gefahrenzone]]''' auch im "Parocktikum" eine der HP-Bands und erfuhr positive Hörerresonanz. Die HP-Tapes wurden per Brief-Mailorder unter die Leute gebracht, aber auch von Kaktus persönlich per "Bauchladen" auf kirchlichen Events verkauft.<br>Die Produktion von Kassetten wurde nach 1990 weitestgehend eingestellt, da den Bands nun andere Medien zur Verfügung standen, auch von der "Werkstattserie" ist bisher nur ein Tape belegt. Dafür wurde von Kaktus' ''Hinterhofproduction'' die Konzeption und Herstellung von Filmen unterschiedlichster Formate zum Thema Jugend(sub)kulturen ausgebaut und professionalisiert, eine Übersicht dazu (Stand 2010) ist [[Hinterhofproduction - Die Geschichte|hier]] nachlesbar. | |||
Damalige Adresse: Hinterhofproduction im [[Kassablanca|"Kassablanca"]], 6900 Jena, Villengang 2a | |||
Netzinfo: [[Hinterhofproduction - Die Geschichte]] | [https://www.thueraz.de/de/archiv-und-forschung/archivbestande/G/ Archiv mit Infos zu Thomas "Kaktus" Grund im ThürAZ] | Netzinfo: [[Hinterhofproduction - Die Geschichte]] | [https://www.thueraz.de/de/archiv-und-forschung/archivbestande/G/ Archiv mit Infos zu Thomas "Kaktus" Grund im ThürAZ] | ||
== Tape-O-Grafie == | == Tape-O-Grafie == | ||
''Die HHP-Indexe stammen aus einem Beitrag über das Label, der in der Musikzeitschrift "NMI" Nr. 14/90 (November) veröffentlicht wurde. Ihre Verwendung ist sonst nirgends bekannt, auch auf den Tapecovern nicht. Dort | ''Die HHP-Indexe stammen aus einem Beitrag über das Label, der in der Musikzeitschrift "NMI" Nr. 14/90 (November) veröffentlicht wurde. Ihre Verwendung ist sonst nirgends bekannt, auch auf den Tapecovern nicht. Dort gibt es lediglich Vermerke zum Erscheinungsjahr in der Schreibweise (z.B.) "HP87", die aber auch teilweise fehlerhaft sind. <br>Die u.g. Erscheinungsjahre orientieren sich, falls keine nachvollziehbare Kennzeichnung vorhanden ist, an den Aufnahme-Daten, Bandbiographien und ähnlichen Details.'' | ||
* 1975: '''Pastor''' (= [[Michael Brose]]) - Songs (prä- Hinterhofproduction) | * 1975: '''Pastor''' (= [[Michael Brose]]) - Songs (prä- Hinterhofproduction) | ||
* 1985: '''[[Airtramp]]''' - [[Airtramp - Müslis & Instrumentals|Müslis & Instrumentals]] | * 1985: '''[[Airtramp]]''' - [[Airtramp - Müslis & Instrumentals|Müslis & Instrumentals]] | ||
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'''Werkstattserie 1990 live''' | '''Werkstattserie 1990 live''' | ||
* '''[[Tequila (?)|Tequila]]''' | * '''[[Tequila (?)|Tequila]]''' | ||
* '''[[Frontal (?)|Frontal]]''' | * '''[[Frontal (?)|Frontal]]''' - [https://www.discogs.com/de/release/9360727-Frontal-Frontal-In-Concert In concert] | ||
* '''[[Ulrike am Nagel]]''' | * '''[[Ulrike am Nagel]]''' | ||
* '''[[Mysterious Mr. Moto]]''' | * '''[[Mysterious Mr. Moto]]''' | ||
Aktuelle Version vom 21. Januar 2026, 12:46 Uhr
Musik- und Filmproduktion in Jena, ca. 1975 bis 2010, zwischen 1985 und 1990 auch Kassetten-Label.
Der Initiator der Hinterhofproduction, Thomas Grund genannt "Kaktus" (*1953 in Jena) kam Anfang der 1970er Jahre als Mitarbeiter zur JG (= Junge Gemeinde) Jena-Stadtmitte. Neben Jugendlichen, die sich dort zum Musikhören trafen, gab es auch eine Band namens Peaceful Dead, von der 1971 ein Live-Mitschnitt angefertigt wurde. Als sich Kaktus zunächst um eine Vervielfältigung der Aufnahmen kümmern wollte, war die Band plötzlich aufgelöst, weil deren Frontmann Michael Steinhorst verhaftet und verurteilt worden war. Nach seiner Haftentlassung betätigte dieser sich unter dem Namen Pastor als Liedermacher und Aufnahmen seiner Songs gehörten zu den ersten, die Kaktus innerhalb seiner JG-Tätigkeit technisch realisierte.
Die JG gehörte zum Kreis der in Thüringen begründeten "Offenen Arbeit", einem Konzept, das Kirchen als Orte der Zusammenkunft und des Austauschs auch für nichtreligiöse, oft marginalisierte und staatlichen Repressionen ausgesetzte Personen mit alternativen Lebensentwürfen eröffnete. Wichtige Großereignisse waren z.B. die Jugendveranstaltungen "JUNE 78" und "JUNE 79" in Rudolstadt, nach denen allerdings die Aktivitäten der "Offenen Arbeit" auf Betreiben der DDR-Staatssicherheit und im Einvernehmen mit der Thüringer Kirchenleitung wieder stark eingeschränkt wurden. Im Zuge dieser Entwicklungen wurde auch Kaktus 1976 zu einer Tätigkeit als IM (= Informeller Mitarbeiter) der Stasi gedrängt, aus der er sich aber nach Dekonspiration bis 1982 mit Hilfe von Kirchenverantwortlichen wieder lösen konnte. 1981 begann er eine Ausbildung zum Jugenddiakon, von 1982 bis 1991 war er als Kirchensteuerkassierer im Kirchenkreis Jena tätig. Eine finanzielle Unterstützung, die ihm für diese Tätigkeit aus Westberlin gewährt wurde, sorgte für regelmäßige technische Verbesserungen des HP-"Studios".
Erst 1983 entstand mit Airtramp wieder eine Band intentional alternativer Jugendkultur in Jena, zu deren Unterstützung Kaktus nun von Anfang an tätig wurde. 1984 entstanden in den Räumen der JG Aufnahmen mit dem dazu von Kaktus organisierten Equipment, ab 1985 wurden deren Ergebnisse als erste Kassetten mit dem Label Hinterhofproduction in Umlauf gebracht. Als sich die vor Ort geschaffenen Möglichkeiten herumsprachen, kamen Bands und Musiker aus anderen Thüringer Städten, aber auch aus Berlin nach Jena. Die DIY-Produktion und ihr Vertrieb nahm in kurzer Zeit überregionale Dimensionen an und verschaffte der Hinterhofproduction DDR-weite Wahrnehmung. Die meisten Tapes wurden von Kaktus selbst in Jena produziert, Antitrott brachten dagegen bereits fertige Aufnahmen aus Berlin mit. Im Mai 1987 debütierte mit Gefahrenzone auch im "Parocktikum" eine der HP-Bands und erfuhr positive Hörerresonanz. Die HP-Tapes wurden per Brief-Mailorder unter die Leute gebracht, aber auch von Kaktus persönlich per "Bauchladen" auf kirchlichen Events verkauft.
Die Produktion von Kassetten wurde nach 1990 weitestgehend eingestellt, da den Bands nun andere Medien zur Verfügung standen, auch von der "Werkstattserie" ist bisher nur ein Tape belegt. Dafür wurde von Kaktus' Hinterhofproduction die Konzeption und Herstellung von Filmen unterschiedlichster Formate zum Thema Jugend(sub)kulturen ausgebaut und professionalisiert, eine Übersicht dazu (Stand 2010) ist hier nachlesbar.
Damalige Adresse: Hinterhofproduction im "Kassablanca", 6900 Jena, Villengang 2a
Netzinfo: Hinterhofproduction - Die Geschichte | Archiv mit Infos zu Thomas "Kaktus" Grund im ThürAZ
Tape-O-Grafie
Die HHP-Indexe stammen aus einem Beitrag über das Label, der in der Musikzeitschrift "NMI" Nr. 14/90 (November) veröffentlicht wurde. Ihre Verwendung ist sonst nirgends bekannt, auch auf den Tapecovern nicht. Dort gibt es lediglich Vermerke zum Erscheinungsjahr in der Schreibweise (z.B.) "HP87", die aber auch teilweise fehlerhaft sind.
Die u.g. Erscheinungsjahre orientieren sich, falls keine nachvollziehbare Kennzeichnung vorhanden ist, an den Aufnahme-Daten, Bandbiographien und ähnlichen Details.
- 1975: Pastor (= Michael Brose) - Songs (prä- Hinterhofproduction)
- 1985: Airtramp - Müslis & Instrumentals
- 1986: Airtramp - Deutsche
- 1986: Antitrott - s/t
- 1987: Airtramp - Die frühen Jahre 1984-86
- 1987: Gefahrenzone - Die Erste
- 1988: Die Fanatischen Frisöre - Debütkassette (HHP005)
- 1988: Karsten Troyke & Götz Lindenberg - Jiddische Lieder
- 1988: Karsten Troyke & Götz Lindenberg - Live Tapes and Rarities
- 1988: Sperma Combo - Ohne Torte
- 1988: S-Combo / U.A.N. - Benefizkonzert (HHP007)
- 1988: Ulrike am Nagel - Die Schönheit selbst
- 1989: Chaoten / S-Combo - Split
- 1989: Gefahrenzone - Dein Platz ist nicht an irgendeiner dreckigen Theke! (HHP010)
- 1989: Gefahrenzone - Saalfeld by Night
- 1989: Gefahrenzone - The last walz (live)
- 1989: Kalabatek Exzek - Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
- 1989: Montagsband - Montagsband 88/89
- 1989: S-Combo / Die Combisten (= Sperma Combo!) - Split
- 1990: Airtramp - Weihnachtskonzert 25.11.1989
- 1990: Sapienti Sat (West-Berlin) / U.A.N. / S-Combo - "Weihnachtskonzert 25.12.1989" (3-Split)
Werkstattserie 1990 live