André Greiner-Pol: Unterschied zwischen den Versionen
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Musiker und Autor aus Berlin, kurz AGP (* 12. Mai 1952 in Berlin; † 15. Dezember 2008). | |||
André war Sohn des Komponisten und Leiters des [https://de.wikipedia.org/wiki/Erich-Weinert-Ensemble Erich-Weinert-Ensembles] der [https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee NVA], Kurt Greiner-Pol (1922-1978). Er gründete '''[[Freygang]]''' 1977 als Bluesrock-Band in Ost-Berlin in einer Zeit, als die Blues-Euphorie in der DDR ihren Höhepunkt erreichte. Die Band erspielte sich einen Spitzenplatz in dieser Szene und behielt bis 1989 ihren Amateurstatus bei. Unter dem Motto: ''"Der Blues muss bewaffnet sein, sonst glaubt dir kein Schwein"'' begann AGP, inspiriert von [https://de.wikipedia.org/wiki/Rio_Reiser Rio Reiser], Anfang der 1980er Jahre systemkritische Texte zu schreiben. Die Folge war ein einjähriges Auftrittsverbot. Unbeirrt machte die Band nach der Zwangspause weiter, trat bei den [[Bluesmessen]] in Ost-Berlin auf und erspielte sich mit AGPs deutschsprachigen, schnörkellosen Texten (etwa in ''"Bürokratie"'', ''"Schwätzer"'' und ''"Haste was, biste was"'') und wegen ihrer Nähe zum Publikum deren Gunst. Gleichzeitig änderte sich auch der musikalische Stil der Band, AGP orientierte sich zunehmend an der westdeutschen Band '''[https://de.wikipedia.org/wiki/Ton_Steine_Scherben Ton Steine Scherben]''', Coverversionen wie ''"Ich bin ein Mörder"'' und ''"Ich will nicht werden was mein Alter ist"'' wurden fester Bestandteil im Programm der Band. <br>Die Band wurde mehrfach mit Auftrittsverboten belegt, zuerst Anfang der 1980er, dann erneut 1983 bis 1985, bis schließlich AGP nach einer Verhaftung 1986 dieses Prädikat "auf Lebenszeit" erhielt, d.h. seine [[:Category:Einstufung|Spielerlaubnis]] wurde ihm dauerhaft entzogen. Von 1986 bis 1989 traten er und weitere Bandmitglieder deshalb teilweise unter Verwendung von Pseudonymen in verschiedenen Bands & Projekten wie '''[https://de.wikipedia.org/wiki/Pasch_(Band) Pasch]''' oder als '''André und die Raketen''' (z.B. beim [[Art Betweens Festival]] im September 1989) auf. 1988 gastierte die fast komplette Originalbesetzung unter dem Tarnnamen '''O.K.''' (siehe auch [[Der Gelbe Wahnfried|hier]]) an der Erdgastrasse Freundschaft in der Sowjetunion. | |||
Nach dem Fall der Mauer wurden AGP und seine Mitstreiter wieder unter dem Namen '''Freygang''' aktiv. Aus dem Blues wurde harter Rock und softer Punkrock. Anfang 1990 beteiligten sie sich gemeinsam mit den Musikern der Bands '''[[Die Firma]]''', '''[[Ichfunktion]]''' und weiteren an den Hausbesetzungen zur Rettung des [[Eimer (Berlin)|"Eimers"]] und Gründung des alternativen [[Kunsthaus Tacheles|Kunsthauses "Tacheles"]] in Berlin sowie verschiedenen politischen und sozialen Aktionen. So ließ sich AGP für die von [[Aljoscha Rompe]] initiierten "Autonomen Aktion Wydoks" als Kandidat für die am 6. Mai 1990 stattfindende freie Kommunalwahl in Ost-Berlin aufstellen, blieb aber erfolglos (lies dazu auch [[Wydoks Studio|hier]]). Im gleichen Zeitraum nahmen '''Freygang''' gemeinsam mit '''Ichfunktion''' und '''Die Firma''' und mit Unterstützung von '''[[Herbst in Peking]]''' die ''"letzte Langspielplatte der DDR"'' auf. <br>Am 3. Oktober 1990 trat die Band unter dem Motto "Halt's Maul Deutschland" auf dem Berliner Alexanderplatz auf, das Konzert wurde von der Polizei gewaltsam aufgelöst. Im Anschluss an die Record-Release-Tour ''"Wenn der Wind sich dreht"'' (1992) gab die Band ein Gastspiel in Italien. In den Folgejahren wurde Freygang zu einer erfolgreichen Livemusik-Größe und veröffentlichte in diesem Zeitraum (und auch später noch) neben neuen Alben auch diverse Tonträger mit Material aus der Zeit bis 1989. Ende der 1990er Jahre, als viele Hausbesetzer zu Hausbesitzern geworden waren und zahlreiche alternative Kunstprojekte von einst zunehmend dem Kommerz unterlegen waren, wurde es ruhiger um die Band. 2000 erschien im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf eine von AGP verfasste Band-Biografie mit Vorwort von [https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Rauhut Michael Rauhut], in dem dieser Einblicke und Hintergründe zur Szene vermittelt. In ''"Peitsche Osten Liebe"'' (der Titel ist ein Wortspiel mit Bezug auf seinen zweiten Nachnamen als Akronym) erzählt AGP in über 100 Kurzgeschichten die damals 22-jährige Geschichte seiner Band. Das vergriffene Buch gilt als Geheimtipp bei Insidern, Fans und anderen an DDR-Rockmusik Interessierten. <br>Zuletzt im Sommer 2008 gingen '''Freygang''' unter dem Motto "30 Jahre Freygang - 30 Jahre Bewegung" auf Tour. Am 15. Dezember 2008 starb André Greiner-Pol überraschend an einem Herzinfarkt. Am 16. Januar 2009 fand in der Berliner Kulturbrauerei ein Abschiedskonzert für AGP statt. Die verbliebenen Musiker traten danach (noch bis 2019) unter dem Namen '''Freygang-Band''' auf. | |||
Während der Arbeit an ''"Peitsche Osten Liebe"'' wurden auch Akten und Quellen über eine von 1977 bis 1981 dauernde IM-Tätigkeit von AGP unter dem Decknamen "Benjamin Karo" bekannt und auf Drängen von Mitherausgeber Rauhut für die Veröffentlichung ausgewertet. Als 25jähriger unterschrieb AGP eine Verpflichtungserklärung, nachdem er wegen einer vorgeblichen "Beihilfe zur Republikflucht" bereits sechs Wochen in Untersuchungshaft verbracht hatte. Seine Band '''Freygang''' hatte er da gerade erst gegründet und wollte dieses Projekt nicht gleich wieder aufgeben. Er versuchte seiner Verpflichtung durch die Weitergabe von unverfänglichen Nichtigkeiten nachzukommen, wurde später zunehmend unzuverlässig und dekonspirierte sich schließlich 1981 gegenüber seinen Stasi-Kontakten.<br>Ebenfalls durch das Buch wurde bekannt, dass er bereits 1992 Vater einer Tochter geworden war. Worin seine stark anzunehmenden verwandtschaftlichen Beziehungen zu [[Robert Greiner-Pol]] a.k.a. Bob Beeman bestehen, ist nicht bekannt. | |||
Netzinfo: [https://de.wikipedia.org/wiki/Andr%C3%A9_Greiner-Pol Wikipedia] | [https://www.berliner-zeitung.de/freygang-gruender-andre-greiner-pol-gibt-eine-deftige-beichte-ab-eroerterungen-von-gruppensex-mit-der-stasi-li.8632 Porträt zum Buch 2000] | [https://telegraph.cc/archiv/telegraph-101/peitsche-osten-liebe/ Buchvorstellung 2000] | [https://www.koenau.de/2018/12/lautes-leben-und-ein-stiller-tod-vor.html Nachruf AGP 2018] | |||
== Lesen == | |||
* ''"Blues einer unruhevollen Jugend. Interview mit André Greiner-Pol"'', in: [[Ronald Galenza|Galenza]] / [[Heinz Havemeister|Havemeister]] 1999, S.345ff. | |||
* ''"Peitsche Osten Liebe. Das FREYGANG-Buch"'' von André Greiner-Pol (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000) | |||
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Aktuelle Version vom 15. Januar 2026, 18:52 Uhr
Musiker und Autor aus Berlin, kurz AGP (* 12. Mai 1952 in Berlin; † 15. Dezember 2008).
André war Sohn des Komponisten und Leiters des Erich-Weinert-Ensembles der NVA, Kurt Greiner-Pol (1922-1978). Er gründete Freygang 1977 als Bluesrock-Band in Ost-Berlin in einer Zeit, als die Blues-Euphorie in der DDR ihren Höhepunkt erreichte. Die Band erspielte sich einen Spitzenplatz in dieser Szene und behielt bis 1989 ihren Amateurstatus bei. Unter dem Motto: "Der Blues muss bewaffnet sein, sonst glaubt dir kein Schwein" begann AGP, inspiriert von Rio Reiser, Anfang der 1980er Jahre systemkritische Texte zu schreiben. Die Folge war ein einjähriges Auftrittsverbot. Unbeirrt machte die Band nach der Zwangspause weiter, trat bei den Bluesmessen in Ost-Berlin auf und erspielte sich mit AGPs deutschsprachigen, schnörkellosen Texten (etwa in "Bürokratie", "Schwätzer" und "Haste was, biste was") und wegen ihrer Nähe zum Publikum deren Gunst. Gleichzeitig änderte sich auch der musikalische Stil der Band, AGP orientierte sich zunehmend an der westdeutschen Band Ton Steine Scherben, Coverversionen wie "Ich bin ein Mörder" und "Ich will nicht werden was mein Alter ist" wurden fester Bestandteil im Programm der Band.
Die Band wurde mehrfach mit Auftrittsverboten belegt, zuerst Anfang der 1980er, dann erneut 1983 bis 1985, bis schließlich AGP nach einer Verhaftung 1986 dieses Prädikat "auf Lebenszeit" erhielt, d.h. seine Spielerlaubnis wurde ihm dauerhaft entzogen. Von 1986 bis 1989 traten er und weitere Bandmitglieder deshalb teilweise unter Verwendung von Pseudonymen in verschiedenen Bands & Projekten wie Pasch oder als André und die Raketen (z.B. beim Art Betweens Festival im September 1989) auf. 1988 gastierte die fast komplette Originalbesetzung unter dem Tarnnamen O.K. (siehe auch hier) an der Erdgastrasse Freundschaft in der Sowjetunion.
Nach dem Fall der Mauer wurden AGP und seine Mitstreiter wieder unter dem Namen Freygang aktiv. Aus dem Blues wurde harter Rock und softer Punkrock. Anfang 1990 beteiligten sie sich gemeinsam mit den Musikern der Bands Die Firma, Ichfunktion und weiteren an den Hausbesetzungen zur Rettung des "Eimers" und Gründung des alternativen Kunsthauses "Tacheles" in Berlin sowie verschiedenen politischen und sozialen Aktionen. So ließ sich AGP für die von Aljoscha Rompe initiierten "Autonomen Aktion Wydoks" als Kandidat für die am 6. Mai 1990 stattfindende freie Kommunalwahl in Ost-Berlin aufstellen, blieb aber erfolglos (lies dazu auch hier). Im gleichen Zeitraum nahmen Freygang gemeinsam mit Ichfunktion und Die Firma und mit Unterstützung von Herbst in Peking die "letzte Langspielplatte der DDR" auf.
Am 3. Oktober 1990 trat die Band unter dem Motto "Halt's Maul Deutschland" auf dem Berliner Alexanderplatz auf, das Konzert wurde von der Polizei gewaltsam aufgelöst. Im Anschluss an die Record-Release-Tour "Wenn der Wind sich dreht" (1992) gab die Band ein Gastspiel in Italien. In den Folgejahren wurde Freygang zu einer erfolgreichen Livemusik-Größe und veröffentlichte in diesem Zeitraum (und auch später noch) neben neuen Alben auch diverse Tonträger mit Material aus der Zeit bis 1989. Ende der 1990er Jahre, als viele Hausbesetzer zu Hausbesitzern geworden waren und zahlreiche alternative Kunstprojekte von einst zunehmend dem Kommerz unterlegen waren, wurde es ruhiger um die Band. 2000 erschien im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf eine von AGP verfasste Band-Biografie mit Vorwort von Michael Rauhut, in dem dieser Einblicke und Hintergründe zur Szene vermittelt. In "Peitsche Osten Liebe" (der Titel ist ein Wortspiel mit Bezug auf seinen zweiten Nachnamen als Akronym) erzählt AGP in über 100 Kurzgeschichten die damals 22-jährige Geschichte seiner Band. Das vergriffene Buch gilt als Geheimtipp bei Insidern, Fans und anderen an DDR-Rockmusik Interessierten.
Zuletzt im Sommer 2008 gingen Freygang unter dem Motto "30 Jahre Freygang - 30 Jahre Bewegung" auf Tour. Am 15. Dezember 2008 starb André Greiner-Pol überraschend an einem Herzinfarkt. Am 16. Januar 2009 fand in der Berliner Kulturbrauerei ein Abschiedskonzert für AGP statt. Die verbliebenen Musiker traten danach (noch bis 2019) unter dem Namen Freygang-Band auf.
Während der Arbeit an "Peitsche Osten Liebe" wurden auch Akten und Quellen über eine von 1977 bis 1981 dauernde IM-Tätigkeit von AGP unter dem Decknamen "Benjamin Karo" bekannt und auf Drängen von Mitherausgeber Rauhut für die Veröffentlichung ausgewertet. Als 25jähriger unterschrieb AGP eine Verpflichtungserklärung, nachdem er wegen einer vorgeblichen "Beihilfe zur Republikflucht" bereits sechs Wochen in Untersuchungshaft verbracht hatte. Seine Band Freygang hatte er da gerade erst gegründet und wollte dieses Projekt nicht gleich wieder aufgeben. Er versuchte seiner Verpflichtung durch die Weitergabe von unverfänglichen Nichtigkeiten nachzukommen, wurde später zunehmend unzuverlässig und dekonspirierte sich schließlich 1981 gegenüber seinen Stasi-Kontakten.
Ebenfalls durch das Buch wurde bekannt, dass er bereits 1992 Vater einer Tochter geworden war. Worin seine stark anzunehmenden verwandtschaftlichen Beziehungen zu Robert Greiner-Pol a.k.a. Bob Beeman bestehen, ist nicht bekannt.
Netzinfo: Wikipedia | Porträt zum Buch 2000 | Buchvorstellung 2000 | Nachruf AGP 2018
Lesen
- "Blues einer unruhevollen Jugend. Interview mit André Greiner-Pol", in: Galenza / Havemeister 1999, S.345ff.
- "Peitsche Osten Liebe. Das FREYGANG-Buch" von André Greiner-Pol (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000)